vom
Scheitern und anderen Kleinigkeiten
theater fensterzurstadt.10
Hauskritik
#2: Das Große Stolpern - Was soll der Zirkus!?
Das Theater
fensterzurstadt erzählt uns mit "Das große Stolpern"
eine Geschichte vom Scheitern und anderen Kleinigkeiten. Und,
um es gleich vorwegzunehmen, die Gruppe um Ruth Rutkowski und
Carsten Hentrich bleibt mit dieser neuen Produktion das wohl spannendste
Theater der Stadt.
Am Anfang
ist Natur. Und Natur ist groß. Sie ist mächtig, gewaltig,
zerstörerisch - und sie trägt weibliche Vornamen. Natur
wälzt sich über das Leben, sie spült Häuser
fort, Dörfer, Städte. Und sie tötet Menschen. Aber
das ist weit weg. Das ist nicht hier, nicht in Deutschland, nicht
in Hannover, nicht im Ihmezentrum. Und wenn sich Natur ab von
uns wendet, uns verschont, wenden wir uns der Kunst zu. Und Kunst
ist klein. Sie ist schwach, schmächtig und schlimmstenfalls
selbstzerstörerisch. Sie tut keinem fremden was. Es scheint
nur so. Das Theater, als eine Ausdrucksmöglichkeit der Kunst,
reicht nicht mehr, lange nicht mehr an die anderen Medien heran,
die uns wirkliche (wirksame) Welten tatsächlich bebildern
können. Im großen Show- und Bilderzirkus ist kein Platz
mehr für den kleinen Zirkus, der mit seinen bescheidenen
Mitteln nicht annähernd heranreicht an das, was uns tagtäglich
bestimmt. Und der es auch nicht schafft, uns mit seinen kärglichen
Mitteln wirkungsvoll aus der Wirklichkeit wenigstens für
die Dauer des Besuchs zu entreißen. Wenn wir Abwechslung
und Ablenkung haben wollen, gehen wir ins Kino, zum Fußball,
in die Disco. Ist doch so. Und wenn wir, in seltenen Momenten,
Inhalte wollen, Tiefe und Auseinandersetzung, schauen wir uns
Dokumentationen an oder lesen ein paar Zeilen. Was also soll das
Theater? Es soll den Menschen!
circus
minimus
Die kleine
Zirkustruppe mit ihrem Chef Federico (Carsten Hentrich) steht
unter Druck. Er und seine vier Angestellten konkurrieren auf peinliche
Art mit dem großen Showzirkus. Carlos (Renzo Solórzano)
präsentiert ein Nichts als wäre es das achte Weltwunder.
Marcelina (Denise M'Baye) und Antonia (Alexandra Faruga) hampeln
in Billig-Fernseh-Manier herum. Und Billi Rubin (Heino Sellhorn)
steuert zwar grenzübergreifende und die eigentliche Tragik
verstärkende Musik bei, muss aber dem Treiben tatenlos zusehen.
Und alle vier ahnen längst, dass sie mit ihrer albernen "Kunst"
bereits jenseits von dem sind, was sie eigentlich mal wollten.
Die Lächerlichkeit aber, in die Federico seine vier "Erfüllungsgehilfen"
mit blinder Unerbittlichkeit treibt, muss noch gesteigert werden.
Mit dem Bestehenden lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen.
Kunst und Show, als ihr halbtoter integraler Bestandteil, muss
wahrgenommen werden. Und um wahrgenommen zu werden braucht man
in heutiger Zeit nicht weniger als Erfolg. Mit was auch immer.
Etwas Aufsehen erregendes muss her. Und wenn die Mittel bescheiden
sind, greift man zu machbaren Sensationen. Das Behältnis
mit Sinn darf ruhig leer laufen, solange das für den Erfolg
nur voll läuft. Die Spaßgesellschaft ist dieser halbtote
Teil unserer Gesellschaft. Sie ist zu lebendig, um sie zu amputieren.
Sie ist aber auch zu tot, um sie wieder ganz ins Leben zurückholen
zu können. Sie will nicht sterben und kann nicht wieder ganz
die Alte sein. Sie ist Teil der Show. Alles ist Teil der Show,
wenn alles Show ist. Dann muss eben ein Weltrekord her. Im Obstkernweitspucken
oder im Tür-auf-Tür-zu-machen. Ganz egal. Das Publikum
wird es einem danken. - Aber es scheitert. Es muss scheitern.
Weil es Menschen sind, die hier etwas sollen. Und dieses Scheitern
gerät zum Bild einer Gesellschaft, an der wir alle beteiligt
sind. Kunst hin, Kunst her. Es ist die Nachvollziehbarkeit der
Menschlichkeit, welche diese Produktion so eindringlich werden
lässt. Das Spiel der Spieler, das an die Grenzen der Realität
stößt und mit ihnen zerfließt. Was ist hier Theater?
Was wird hier abgebildet? Das Theater bildet sich selber ab und
löst sich im Bild auf. Es bleibt jedoch Kunst. Wenn aber
die Kunst doch ein Abbild unseres Lebens ist - wenn diese kleine
Kunst, die mit peinlichem Zirkus und lächerlichem Zirkus
scheitert, ein Bild ist für unser großes Scheitern,
wenn aber dieses kleine Stolpern dieses kleinen Theaters ein Abbild
ist für unser großes Stolpern, dann ist dieser kleine
Abend ein ganz großer. Am Schluss hält die Natur dann
doch Einzug. Sie kommt ganz klein daher. Und sie trägt den
Namen der gescheiterten Liebe.
VON ANDREAS
BECKER
Stadtkind
Hannovermagazin von Januar 2006
Chaos auf
den Brettern, die die Welt bedeuten
Ein
Stück vom Versagen und Hoffen wird begeistert gefeiert. Ruth
Rutkowski und Carsten Hentrich inszenierten im Theater fensterzurstadt
"Das große Stolpern"
HANNOVER.
Das Guinnessbuch der Rekorde ist die Bibel für Federico.
Sollte er eine der verrückten Höchstleistungen brechen,
wird das der ganz große Durchbruch - daran glaubt er mit
Inbrunst.
Federico (Hentrich) ist Chef eines kleinen erfolglosen Theaters.
Mit unmöglichen Forderungen zerstört er das Verhältnis
zu seinen Darstellern. 41 828-mal in 24 Stunden soll etwa der
junge Carlos (Renzo Solórzano) die Tür zur Bühne
öffnen und wieder schließen - Weltrekord! Damit soll
der große Wurf gelingen. Doch Carlos gibt auf, und Federico
rastet aus.
Mit "Das große Stolpern" haben Ruth Rutkowski
und Carsten Hentrich ein intensives Stück über Versagen
und Hoffen, Durchhalten und Aufgeben auf die Bühne gebracht.
Ein Drama im Drama ist daraus geworden.
Eine Suche nach der Schuld am Fehlschlag in der Kunst. Wessen
Versagen hat den Rekordversuch vereitelt? Wer ist schuld, das
das Theater nicht läuft? Wer trägt die Verantwortung
für den Frust, die Resignation, die Hoffnungslosigkeit, die
die Leben der Figuren bestimmen.
Das Stück lebt von einer Geschichte, die sich ständig
an der Grenze zwischen Komik und Tragik bewegt. Wenn die hübsche
Marcelina (Denise M'Baye) zum Beispiel mit einer Schweinsnase
in der Tür steht und das dressierte Schwein Quattro spielen
soll. Der Anblick kitzelt das Zwerchfell und macht auch gleichzeitig
betroffen. Neben ihrem emotionalem Spiel überzeugten die
Darsteller auch durch den Mut zur Lächerlichkeit.
Das Premierenpublikum: begeistert. Applaus nicht nur am Ende,
sondern immer wieder spontan zwischen durch.
VON ANITA
GRASSE
Neue
Presse vom 16. 12 2005
Auf, zu, rein, raus
"Das
große Stolpern" im Theater fensterzurstadt
Türen
klappen immer. Erfolgreiche Boulevardkomödien funktionieren
gerade wegen des Auf-zu-rein-raus-Prinzips. Es bringt Tempo ins
Spiel. Das neue Stück des preisgekrönten Off-Off-Theaters
fensterzurstadt im hannoverschen Ihmezentrum ist bei weitem keine
Boulevardkomödie, doch mit der Tür steht und fällt
alles. Sie beherrscht das Bühnenbild (Alexander Tripitsis)
und die Handlung.
Die Eigenproduktion "Das große Stolpern", inszeniert
von Carsten Hentrich und Ruth Rutkowski, erzählt die Geschichte
eines Tingel-Tangel-Ensembles, dessen despotischer Boss (Carsten
Hentrich) die Mitglieder (Alexandra Faruga, Denise M'Baye, Renzo
Solórzano und Heino Sellhorn) wie Zirkustiere dirigiert.
Die absurden Narreteien, zu denen er seine Akteure zwingt, gipfeln
schließlich in dem Vorhaben, einen Weltrekord im Türenöffnen
aufzustellen, um endlich berühmt zu werden. Der verzagte
Carlos (Renzo Solórzano) nimmt die Klinke in die Hand.
Endlose Minuten schlägt die Tür auf und zu. Anfangs
noch herrscht Euphorie bei den Theaterleuten, die dann jedoch
in Resignation umkippt. Carlos bricht vor Erschöpfung zusammen
und die Gruppe auseinander.
Was sich um die Tür zuträgt, ist eine Geschichte vom
Scheitern, eindringlich gespielt und klug erzählt. Zuweilen
überspannen die Darsteller allerdings den Bogen. Da wird
(wohl aus Gründen der Dynamik) zu lange und zu laut geschrieen
und (vielleicht auch, um die Spannung weiter zu steigern) das
Licht endlos lang komplett ausgeschaltet. Wozu eigentlich? Die
Tür ist doch da.
VON KERSTIN
HERGT
Hannoversche
Allgemeine Zeitung vom 16. 12. 2005
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