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five spot after dark

frei nach Texten von Haruki Murakami
theater fensterzurstadt.17

 

Hauskritik # 1
five spot after dark, theater fensterzurstadt

HHinter einem Fenster zur Stadt sitzt das Publikum mit Blick auf den Hof der alten Tankstelle. Eine Frau in dickem Mantel und Stiefeln steht draußen auf der Bühne. Sie hat eine Fellmütze auf und hält ein Päckchen in der Hand. Die Szene wirkt surreal in der realen Kulisse. "Allein, am einsamsten und kältesten Ort der Welt", am Südpol ist sie gelandet. Unglücklich mit dem Eis-Mann neben ihr und einem Eis-Kind unter ihrer Brust. Sie möchte nur noch weinen, aber selbst ihre Tränen werden zu Eis. Nichts, woran sie sich festhalten kann, lässt sie fürchten, durch einen Windstoß bis ans Ende der Welt geweht zu werden. Pappflugzeuge an Holzstielen "fliegen" vor dem Fenster vorbei. Auf der Straße vor den Mauern des Theaters spaziert eine Frau mit einer kleinen Lampe in der Hand, geht suchend von Haus zu Haus, bis sie in den Hof findet, zu dem mittlerweile einsamen ‚Eismann'. Er erzählt ihr eine Geschichte über das 100-prozentige Mädchen und überlässt ihr das geheimnisvolle Päckchen, als er geht. Es wird zum roten Faden in "Five Spot after Dark" wandert von einer Person zur nächsten. Aber was ist drin? Im Innern des Päckchens - im Innern jeder der vorgestellten Personen. Darum geht es: um Träume und Erinnerungen, Erwartungen, Hoffnung und Enttäuschung. Alltägliches wechselt scheinbar unvermittelt ins Absurde. Inszeniert wurde das Stück von Ruth Rutkowski und Casten Hentrich, frei nach Texten von Haruki Murakami. Seine Figuren zeigen und erzählen Geschichten, berichten von Erinnerungen und erzeichen sie. "Alles ist eine Frage der Vorstellungskraft", wie ein Zitat, über der Tür zum Saal, in den das Publikum zum zweiten Teil geführt wird, zu lesen steht. So ist dieses Stück wie eine wunderbare Reise in eine fremde Welt: Von der Realität in die Phantasie, "zum Südpol, auf den Meeresboden und wieder zurück". Mal ist das Publikum nah am Geschehen, mal weit weg, phantastische Bilder erzeugen Illusion und zuweilen auch Verwirrung. Ausgeschüttete Spaghetti werden zum Strand, indem der Schrift-Steller ein Schild davor stellt, man hört von imitierten Elefanten, die in einer Fabrik entstehen, und Katzen berichten von unmenschlicher Behandlung. Norman Gotegut, Stefanie Mrachacz, Carsten Hentrich und Alexandra Faruga spielen derart überzeugend, dass das Stück trotzdem nie kitschig oder langweilig, sondern immer fesselnd bleibt, egal, ob komisch oder anrührend. Und weil alles irgendwie miteinander verknüpft ist, spielt auch die Musik aus Jazz, Pop und klassischen Stücken, live auf Cello, Kontrabass und gesanglich dargeboten, eine große atmosphärische Rolle. Sie unterstreicht das Geschehen, bekräftigt Bilder und Sprache. Wie eine Komposition, ein Lied mit berührend poetischen Dialogen. Traum und Wirklichkeit verwischen, wie Gefühl und Wahrnehmung. Menschen stolpern im alltäglichen Leben über Merkwürdigkeiten, die sie kurz aufhorchen lass, in ihre fadenscheinige Realität greifen und ihnen, wenn sie sich auf die Reflexion einlassen, zu Erkenntnissen über die Zusammenhänge ihres Lebens verhelfen. Großartig umgesetzt und inszeniert. Absolut sehenswert!

Von Christine Meier

Stadtkind 1/2010

 

Szenen vom Finden und Verlieren
Das Theater fensterzurstadt präsentiert in Hannover „Five Spot After Dark“ nach Texten von Haruki Murakami


Das Ensemble fensterzurstadt hat den wohl ungewöhnlichsten Theaterraum Hannovers: eine ehemalige Tankstelle, die von einem Bretterzaun umgeben ist. Dieser Zaun trennt aber nicht unbedingt von der Stadt, er kann auch verbinden. So bei der Szenenfolge „Five Spot After Dark“, frei nach Texten des japanischen Autors Haruki Murakami, die jetzt Premiere hatte.

Man sieht vom Obergeschoss des Tankstellengebäudes aus eine Schauspielerin mit einem Licht durch die benachbarte Straße gehen, und dann klettert eine Katze über den Zaun und bittet einen Spaghetti kochenden Herrn, der gerade von seiner Frau verlassen worden ist, ihrer Schwester doch ein Päckchen zu bringen.

In einer Alltagsumgebung geschieht also Absurdes. Und das passt sehr gut zu Haruki Murakami, dessen Werk sich unter anderem durch Surrealismus auszeichnet. Nicht umsonst hat er 2006 in Prag einen Franz-Kafka-Preis erhalten. Murakami passt auch zum Konzept von fensterzurstadt, das nach eigenem Bekunden auf „assoziative Logik“ setzt. Theater mit durchgehender Handlung darf man also von dieser Inszenierung Ruth Rutkowskis und und Carsten Hentrichs (beide spielen auch mit) nicht erwarten. Aus Motiven Murakamis – etwa Auftritten der von diesem Autor geliebten Katzen oder von einer Frau, deren Schwester im Dauerschlaf liegt – setzt sie ein Kaleidoskop zusammen. Japanisch geht es dabei nicht zu, Haruki Murakami ist eher ein Autor, der von der westlichen Literatur geprägt ist. Japanisch ist bei alledem nur der Abschiedsgruß des Ensembles.

Nach einer halben Stunde zieht das Publikum von der Empore in den zur Bar gestalteten Theaterraum um. Hier werden teils die vorher gezeigten Szenen paraphrasiert und kommentiert, teils tauschen Figuren ihre Identität aus, auch kommen neue Szenenbilder hinzu.

Will man nach dem roten Faden suchen, lässt sich sagen, dass die Szenenfolge davon handelt, wie Menschen sich suchen und verlieren, sich finden und missverstehen – andere und sich selbst. Immer wieder klingelt das Telefon und vergrößert durch Unverständliches die Ratlosigkeit in diesem Universum noch – bis es dann doch ein versöhnliches Ende zu geben scheint. Es ist kein leichtes Unterfangen, an das das Ensemble hier gegangen ist. Es bewältigt dieses mit Bravour und sogar akrobatischen Leistungen.

Ekkehard Böhm

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 30.11.2009