frei nach
den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
theater fensterzurstadt.13
Beitrag
in der Kultursendung "Fernflimmern",
November 2007

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Sendung auf www.fernflimmern.de
(der erste Beitrag).
Der
Grimmix
Das "theater fensterzurstadt" verdichtet
bravourös Märchen
Es schlägt Zwölf. Und die trübselig tanzenden Gäste
der muffigen Bar verwandeln sich. Nebel steigt auf, die Musik
wird finsterer, jemand kreischt wie eine Krähe. Eine Märchenstunde
der besonderen Art beginnt: eine Albtraumerkundung ins kollektive
Unterbewusstsein, in dem Sätze herumgeistern wie "Ruckediguh,
Blut ist im Schuh".
In der ehemaligen
Tankstelle Striehlstraße präsentiert das "theater
fensterzurstadt" eine Produktion, die sich "Grimms Märchen
Remixed" nennt, was viel platter klingt als es tatsächlich
gemeint ist. Die Regisseure Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich
haben ein Puzzlespiel der Versatzstücke, der Zitate, Bilder
und Märchenklischees entworfen, das in der Tat nach streng
musikalischen Regeln zu einer faszinierenden Komposition zusammengesetzt
wird. Drei Frauen (Alexandra Faruga, Anna Katharina Köpnick
und Nora Otte) und zwei Männer (Carsten Hentrich und Renzo
Solórzano) umtanzen einander, raunen chorisch ihre Einsätze,
manchmal erzählen sie ganze Geschichten. Von der Müllerstochter,
der vom Vater die Hände abgehackt werden, damit ihn der Teufel
nicht holt. Vom mordlustigen Räuberbräutigam und von
dem eigensinnigen Kind, das vom lieben Gott mit einer tödlichen
Krankheit bestraft wird und immer noch unbelehrbar seine Händchen
aus dem Grab herausstreckt.
Begleitet
wird all das von Heino Sellhorn, der mit seinem Kontrabass den
Rhythmus für diese Revue der Unbehaglichkeit vorgibt. Und
trotz der Techno-Raserei, die die Verzweiflung des Sterntaler-Mädchens
begleitet, ist dieser meisterhaft präzise durchgestaltete
Theaterabend von stiller und sanfter Melancholie durchzogen. Und
mit jedem der exakt choreografierten Schritte verdichtet sich
mit lyrischem Witz oder herzzerreißender Traurigkeit das
Netz der Assoziationen.
Dieser Remix kommt wie eine coole, junge Variante von Michael
Thalheimers musikalischen Collagen daher, als ein ironisch gebrochener
Zauberspuk, der in den grausigen Erzählungen der Brüder
Grimm immer einen gegenwärtigen Bezug aufspürt. Das
Ergebnis ist ein sehr heutiges Ringen um die Ansprüche der
Liebe und die orientierungslose Einsamkeit, die sich im Kunstnebel
der Großraumdisko genauso furchtbar anfühlt wie mitten
im finsteren Wald.
Von André
Mumot
Hannoversche
Allgemeine Zeitung vom 05.11.2007
Zappen
durchs Märchenbuch
HANNOVER. "Halt die Klappe!", schreit der vermeintliche
Retter die verzauberte Prinzessin an, die ihn mit einer Unmenge
kompliziert-absurder Anweisungen zutextet, die zu ihrer Erlösung
notwendig seien. Gelächter in der alten Tankstelle Striehlstraße
14, in der das Theaterstück "Grimms Märchen Remixed",
frei nach den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm,
vor ausverkauftem Haus Premiere hat.
Doch
die Eigenproduktion des Theaters Fensterzurstadt ist keine Komödie.
Vielmehr eine assoziativ-szenische Collage, in der sich Ernsthaftigkeit,
Witz und Ambivalenz abwechseln. Textpassagen aus berühmten
und kaum bekannten Märchen werden miteinander verwoben und
stark komprimiert; ein Zappen durch den Irrgarten des kollektiven
Gedächtnisses, wie er in den Geschichten zu Tage tritt: voll
Grausamkeiten, voll Wunder, voll strikter Verhaltensmuster.
Facettenreich
ist die Psychologie dieses neu gefügten Märchenkosmos.
In der Kulisse einer Tanzbar spielen Alexandra Faruga, Carsten
Hentrich, Anna Katharina Köpnick, Nora Otte und Renzo Solórzano
souverän die verschiedensten Rollen durch, setzen Akzente
durch unisono gesprochene Texte, repitierte Kernsätze und
Gesten sowie Gesangseinlagen.
Trance-Techno
und Kontrabass-Soli: so extrem weit wie der musikalische ist auch
der Stimmungsbogen der Inszenierung. Schrille Turbulenzen wechseln
mit atemanhaltend spannenden, stillen Szenen - etwa wenn die an
beiden Armen gefesselte, handlose Müllerstochter auf dem
Bauch am Boden liegend einen Apfel verspeist. Jubelnder Applaus.
Von Christian
Seibt
Neue
Presse vom 05. 11. 2007
Rumpelstilzchen
reloaded
Altes im neuen Gewand: Das Theater Fensterzurstadt
zeigt Grimms Märchen remixed
Sie
gehören zur kulturellen Hausmannskost wie die Biegung in
die Banane: die Märchen der Gebrüder Grimm. Seit die
Brüder Jakob Ludwig Carl und Wilhelm Karl Anfang des 19.
Jahrhunderts ihre fulminante Sammlung an Kinder- und Hausmärchen
unter das Volk brachten, gelten diese als Erzähl-, Erzieh-
und Lese-Klassiker par excellence. Seitdem erfreuen sie Generationen
Heranwachsender mit ihrem lehrreich-mystischen Zeigefinger-Erzählstil,
wobei so manch kleiner Stöpsel mit diesem universell-umfassenden
Geschichten-Konvolut gleichsam seinen ersten Kontakt mit ausschweifenden
Horror-Szenarien gehabt haben dürfte. Da werden munter lecker
Kinder gegrillt und verputzt, Hexen wandern in den Ofen, und es
werden sich fintenreich und ganz rumpelstilzchen-like unlautere
Erziehungberechtigungen erschlichen, dass es nur so kracht und
brutzelt. Mannometer, dachte sich als Jungpionier
selbst der unerschrockene Verfasser dieser Zeilen, das ist
ja bisweilen bannig gruselig und nicht gerade unblutig, aua!.
Dem everlasting Bestseller-Status der grimmschen Sammlung hat
dieser frühkindliche Grusel selbstverständlich keinen
Abbruch getan - im Gegenteil: Ihr epochales Märchen-uvere
gehört unschlagbar ins Kollektivbewußtsein der - nicht
nur westlichen - Hemisphäre und zu den meistgelesenen und
-übersetzten Werken der Weltliteratur. Ein Ende ist nicht
abzusehen.
Das
Theater Fensterzurstadt hat sich die Schmöker-Schinken nun
vorgenommen und ihnen unter dem Motto Grimms Märchen
remixed einige saftige Filetstückchen im Sinne einer
modernen Neuinterpretation entrissen. Jenseits gängiger Konventionen
erschließt das Ensemble dem großen Stoff einen neuen
Zugang mit einem bewußt fragmentarisch gehaltenen, assoziativen
szenischen Gemälde, das die eigene Märchen-Erwartungshaltung
mächtig überrascht und wohltuend unklassisch
in die Irre führt. Und natürlich schaudern, das heißt
wohlig gruseln, macht. Und man staune getreu dem Motto ach
wie gut, dass niemand weiß
: So modern können
die Grimms sein. Dem Theater Fensterzurstadt sei Dank.
Von Henning
Chadde
Lange
Leine vom 03. 05. 2008