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hannover mon amour: auf amtswegen

ein Schau - Spiel
theater fensterzurstadt.18

Hauskritik # 1
hannover mon amour: auf amtswegen, theater fensterzurstadt

"Auf Amtswegen", die lexikalische Mischung aus "Von Amtswegen" und "Auf Abwegen" macht neugierig. Was steckt dahinter? Keine Reise in eine andere Zeit. Keine Reise in eine andere Welt. Bei der Inszenierung "Hannover Mon Amour: Auf Amtswegen" wird unsere Alltagswelt zur Kunst. Genau wie bei Andy Warhol und seiner Tomatensuppendose in der Pop Art - aber natürlich doch ganz anders. Zwar wird eine Sparte des Alltags thematisiert, nicht aber der Massenkonsum. Wohl aber die "Massenabfertigung", nämlich die auf Sozialämtern.

Die Liebeserklärung an Hannover findet dieses Mal am Lindener Marktplatz im ehemaligen Lindener Rathaus statt. Zu Beginn des Stücks muss der Besucher amtstypisch einen Fragebogen ausfüllen. Dabei sind Fragen zu beantworten wie "Wie ist ihr derzeitiges Befinden?" oder "Wie lange sind sie bereit, auf ihr Glück zu warten?". Der Theatergänger soll sich mit sich selbst beschäftigen, so viel wird bereits zu Beginn klar. "Theatergänger" muss man hier sagen, weil "Zuschauer" nur bedingt zutreffen würde. Gegangen wird an diesem Abend tatsächlich viel. Nach dem Fragebogen bekommt jeder einen Audio-Guide und eine Stimme beginnt zu dirigieren. Hoch und runter, kreuz und quer wird man durch die langen Flure und durch die Büroräume geschickt. In jedem eine kleine Inszenierung. Dabei gilt es, strikt die Regeln zu befolgen. Man muss auf die zuständigen Beamten warten, sollte sie nicht im falschen Augenblick ansprechen, muss die Tür hintere sich schließen und auch den Klassiker "Das gehört nicht zu meinem Zuständigkeitsbereich" bekommt man zu hören.

Das Konzept ist ungewöhnlich. Es ist mutig, den Theaterzuschauer, wenn auch künstlich und künstlerisch, in die Rolle des Behördenbesuchers zu zwingen - Behördengänge machen wohl die wenigsten gern. Plötzlich ist man in der Rolle des Sozialhilfeempfängers, sieht sich konfrontiert mit den Mitarbeitern eines Amtes. Das Theater fensterzurstadt hat "Auf Amtswegen" als zweiten Teil des Gesamtprojekts "Hannover Mon Amour" eigens für diesen Spielort entwickelt. Natürlich werden auch Geschichten erzählt, zum Beispiel von einer Sachbearbeiterin, die einen Nervenzusammenbruch erleidet, nachdem sie geträumt hat, sie habe sich in ein Büro verwandelt. Oder von einem Mann im Trainingsanzug, der für eine außergewöhnliche Berufsgründung Förderungen beantragen will. Sein Ziel ist es, Kühlschrankbewacher für übergewichtige Menschen zu werden. Die Gesellschaft sei doch schließlich nicht normal: "Die einen essen so viel und die anderen knabbern an ihrem proteinangereicherten Löwenzahn!"

Der Fragebogen zu Beginn dient als Prolog, ohne wirklich Prolog zu sein. Erklärt wird nicht. "Hannover Mon Amour" lebt von der Überraschung. Zuletzt folgt eine Art "Epilog", die Auswertung der Fragebögen. 67% der Teilnehmer geben an, überarbeitet zu sein, viele wollen nicht mehr lange auf ihr Glück warten. Ein großes Glück ist dieses Stück, teils interaktiv, teils szenisch, es hat Witz, ist kritisch, regt die Empathiefähigkeit an und verführt zum Nachdenken über die eigenen Wünsche und Ziele.

Von Jannine Klemmt

Stadtkind 6/2010

 

Theater Fensterzurstadt: Das Amt, das Leben und die Menschen darin

HANNOVER. Die Anmeldung schickt in Raum 122, von da geht's weiter in 118, wo ein Schild auf 104 verweist, wo eine Mitarbeiterin mit "bin nicht zuständig" nach nebenan schickt, bis man schließlich mit ausgefülltem Formular und entrichteter "Gebühr" im Wartebereich landet, wo - selten bei Behörden - Wasser und Wein gereicht werden. Der Gang ins Theater kann mühsam sein, wenn es "Auf Amtswegen" wandelt und Fensterzurstadt heißt.

Wenn das in seiner zweiten "Hannover mon amour"-Produktion durchs ehemalige Sozialamt im Lindener Rathaus führt, kriechen einem Melancholie und erinnerter Bürokratieärger gleichzeitig durch Blut. Als geisterten die Schicksale noch durch die langen Gänge mit den grässlichen orangefarbenen Plastiksitzen.

Per Audioguide erzählt das Theater davon, von Zimmerdecken mitten durch Fenster, von Verbindungstüren und von Frau Kolisch, die in Blau-Rot-Orange durch die weißen Räume stöckelt. Dann hockt man im Archiv in Regalen, während eine gespensternde Sozialhilfe-Karteileiche im Ballonseideanzug (Carsten Hentrich) vom Schlangestehen erzählt ("Man traute sich nicht mal aufs Klo"). Später gerät der Mann mit einer Sachbearbeiterin aneinander, von der er Startbeihilfe als Diätpolizist möchte, doch die leistet lieber einem Halbnackten im roten Rock Beistand beim Zündeln.

Anders als im ersten Mon-amour-Stück "Lingenfelder" erzählt Fensterzurstadt in "Auf Amtswegen" keine Geschichte, sondern konzentriert sich auf surreal abgedrehte Impressionen, von Autor Sascha Schmidt amüsant und klischeefrei entworfen. Ein spannendes visuelles Nachsinnen über das Amt, das Leben und die Menschen darin.

Von Evelyn Beyer

Neue Presse vom 3.6.2010

 

Und plötzlich kommt die Stadt zu Dir
Das Theater fensterzurstadt schreibt Geschichten auf die Haut Hannovers und siedelt seine Kulissen dort an, wo man sie nicht erwartet

Im Auge des Betrachters: Das Rathaus Linden hat viel erlebt und ebenso viel zu erzählen

Irre Bühnenbilder und aufwändige Dekoration gehören der Vergangenheit an, Hannover setzt auf Realitätsnähe und bringt einen neuen Trend: Heute geht man nicht mehr ins Theater, sondern man lässt das Theater zu sich kommen. In etwa so funktioniert das Konzept von "Hannover Mon Amour", einer Reihe von Produktionen, mit denen das Theater fensterzurstadt im letzten Jahr den Auftakt feierte - millimetergenau auf die jeweiligen Spielorte ausgelegt, die sich wild verstreut über die Stadt befinden und verschiedene bekannte Orte oder auch schon einmal die Straße zur Bühne machen. Die Inhalte der Stücke sind so sehr aus dem Leben gegriffen wie die Orte selbst, sie berichten von Menschen, die in Hannover leben, durch Hannover reisen oder sich von der Stadt abwenden. Hierbei liefert Hannover nicht nur das Setting, sondern bekommt auch gleichzeitig die Hauptrolle und bietet so eine realistische und dennoch poetische Sicht auf das urbane Leben im Herzen Niedersachsens.

Letztes Jahr lag der Fokus der Produktion "Hannover Mon Amour: Lingenfelder" auf einem leerstehenden Ladenlokal in Linden, heute ist es das Lindener Rathaus, das sowohl viele unerzählte Stories als auch bewegende historische Momente zu bieten hat. In "Hannover Mon Amour: Auf Amtswegen" gerät es durch seine Zerstörung im Krieg und seinen anschließenden Wiederaufbau in den Fokus der Geschichtenerzähler - doch hält es die Zuschauer nicht auf kulissenhafter Distanz, sondern fordert sie buchstäblich auf, sich in das Gebäude zu begeben und sich durch die zahlreichen Etagen, Treppen und Hinterzimmer zu bewegen, um sowohl Geschichte als auch Geschichten hautnah zu erleben.

Der hannoversche Autor Sascha Schmidt und das Ensemble vom Theater fensterzurstadt bieten dem Publikum einen Einblick in das Rathaus und das Leben darum herum. Sie arbeiten mit Hilfe von Interviews mit Angestellten, Anwohnern und Hauspersonal. Dabei werden die Zuschauer quer durch das Rathaus geführt, sowohl in die hellen als auch in die düsteren Ecken (Achtung: Gutes Schuhwerk ist ein Muss!). Plastischer kann man nicht gezeigt bekommen, dass unsere Stadt mehr zu bieten hat als nur Lena und die Expo.

Von Anne C. Böhler

Langeleine.de vom 14.6.2010

 

Fenster zum Amt
Das Theater Fenster zur Stadt spielt im Lindener Rathaus "Auf Amtswegen"

Zum "Fragebogen zur Ermittlung der persönlichen Teilnahmefähigkeit zur Begehung des Sonder-Amtswegs FZS.18-HMA.2" wird einem noch ein "Merkblatt zum Fragebogen zur Ermittlung ..." ausgehändigt. Merke: Wir sind auf dem Amt. Das Theater Fenster zur Stadt hat wieder mal eingeladen, die Stadt aus anderer Perspektive wahrzunehmen. Man spielt im Rathaus Linden, wo bis vor ein paar Jahren noch das Sozialamt untergebracht war. Jetzt stehen hier viele Büros leer. Sitzmöbel (orangefarbene Hartschalen) sind reichlich vorhanden. Toiletten gibt es auch und eine insgesamt recht interessante Atmosphäre von Tristesse und Verfall. Vieles spricht dafür, hier Theater zu spielen. Und damit beginnt die Theatergruppe um Carsten Hentrich und Ruth B. Rutkowski schon, bevor sich alle Zuschauer am Spielort eingefunden haben. Aus der Pförtnerloge heraus werden Eintrittskarten ausgegeben. Schön langsam, wie das so ist auf dem Amt. Man hat sich in einem bestimmten Dienstzimmer einzufinden. Man wird von einem Raum zum anderen geschickt. Man muss Formulare ausfüllen. Man wird befragt und weitergeschickt. Ja, ja, die Bürokratie. Die acht Schauspieler der Gruppe machen sich ein bisschen darüber lustig.

Für die Künstler ist das leicht, für die Zuschauer nicht immer. Weil die Theaterleute darstellen wollen, dass man auf dem Amt oft warten muss, muss eben auch das Publikum oft warten. Es macht aber leider so gut wie keinen Unterschied, ob man in der Kunst oder in der Wirklichkeit vor einem Amtszimmer, wartet. Man wartet eben. Und auch das Aussitzen von Bürokratiekritik kann ganz schön anstrengend sein. Andererseits ist das natürlich nicht alles. Den Fenstertheaterleuten fallen immer wieder schöne Szenen ein. So statten sie die Zuschauer mit Kassettenrecordern aus und lassen sie, geführt von einer Tonbandstimme, durch die Amtsräume wandern - auf den Spuren einer erzählenden und träumenden Sachbearbeiterin. So etwas haben andere (wie Rimini Protokoll) auch schon mal gemacht, es ist aber trotzdem schön. Einmal versucht ein Mann im Rock mit Holzbrett, Stock und Spänen ein Feuer auf dem Amtsflur zu entzünden - vor dem Plakat mit den Hinweisen zum "Verhalten im Brandfall". Da wird's dann geradezu subversiv.

Von Ronald Meyer-Arlt

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 1.6.2010