ein Schau
- Spiel
theater fensterzurstadt.16
Liebe
zum Lampenladen
Theater Fensterzurstadt spielt im Elektrofachgeschäft
HANNOVER. Plötzlich steht die Realität auf der Bühne.
Ein Mann, wohl nicht ganz nüchtern, betritt den früheren
Elektroladen in Linden, wo die Premiere von "Hannover Mon
Amour: Lingenfelder" läuft. Kann passieren, wenn ein
Theater so mit Wirklichkeit spielt wie Fensterzurstadt.
Die Schaufenster-Rollos
werden hochgezogen, das Spiel geht quer über die Deisterstraße,
eine wilde Hatz um Bäume und Litfasssäulen. Barbesucher
starren, Radfahrer stoppen, ein Jogger trabt viermal vorbei -
wer gehört dazu, wer nicht? War der schnell rauskomplimentierte
Besucher ein Regieeinfall? Seine Kleidung passte zum gelb-orange-pinken
Outfit des Ensembles.
Und dann entspannt
sich eine schräge Dreiecksgeschichte, die mit einem "Toaster-Burnout"
beginnt und in einem Oldtimer-Kadett endet, ein ins Surreale gleitendes
Spiel um rabiates Klammern am Alten und Aufbruch zu Neuem. Geräte
verschwinden, zwei weibliche Finsterlinge stürmen hammerschwingend
den Laden, eine Frau mit Häubchen singt von Nachtigallen,
es geht um die Bäckerei, die früher hier stand.
Assoziationen,
oft kaum deutbar, doch Dorit David, Alexandra Faruga, Carsten
Hentrich und Volker Kakoschke zeigen ein dichtes Spiel im Vierer.
Bei ihrem Flirten und Streiten wächst ein Gefühl von
Verlust, Drama und Ausbruch, das mit dem laden wie verwoben scheint.
Evelyn Beyer
Neue
Presse vom 2.7.2009
Raum
und Zeit
"Hannover Mon Amour" im Theater Fensterzurstadt
An der Ecke von Deister- und Charlottenstraße in Hannover-Linden
braust der Autoverkehr auch nach 21 Uhr noch wie nichts Gutes.
Beim Überqueren der Kreuzung müssen Fußgänger
gefühlte siebenmal nach links und rechts schauen, ehe sie
im Eiltempo über die Fahrbahn hasten. Es ist eben ein lebendiger
Stadtteil, könnte man denken. Viel Verkehr - viel los. Wären
da nicht die dunklen Schaufenster, die inmitten einer bröckelnden
Fassade wie tote Augen starren.
Noch bis Dezember
vergangenen Jahres bildeten diese Schaufenster das Entree der
Charlottenstraße. Sie gehörten zu einem der letzten
Läden. Einst hatten Geschäfte zahlreich den Fußweg
gesäumt. Zu einer Zeit, als Hanomag-Arbeiter in Scharen vorbeizogen
und es noch keine Baumärkte in der Nähe gab. Das "Elektrofachgeschäft
Lingenfelder" hätte in diesem Jahr 90-jähriges
Bestehen gehabt. Doch Ende 2008 schloß der Familienbetrieb
mangels Kundschaft.
Die innovative
Gruppe hat die Reihe "Hannover Mon Amour" begonnen,
Eigenproduktionen über Menschen in Hannover. Das Elektrofachgeschäft
Lingenfelder wäre im April 90 Jahre alt geworden, kurz zuvor
schloss es. Nun platziert das Theater Fensterzurstadt Zuschauer
darin und berichtet über Glanz und Niedergang der früheren
Einkaufsmeile Deisterstraße.
Das Theater
Fensterzurstadt um Carsten Hentrich und Ruth Rutkowski nimmt seinen
Namen so genau wie noch nie und spielt in den leeren Räumen
von "Lingenfelder" ein Stück, das die Aufmerksamkeit
auf den Verlust von Stadtteilgeschichte und auf die Veränderung
von Raum und Zeit lenkt. "Hannover Mon Amour: Lingenfelder"
ist der erste Teil von mehreren geplanten Produktionen, die in
unmittelbarem Zusammenhang mit Hannover und seinen Menschen stehen.
Dazu werden die einzelnen Stücke inhaltlich auf die jeweiligen
Schauplätze abgestimmt.
Mit "Lingenfelder"
ist dieses ambitionierte Projekt gut gestartet. Zwischen Restbeständen
an Lampen und Toastern wird das Publikum Zeuge der beruflichen
und privaten Krise des Ladeninhabers (Carsten Hentrich). Es ist
eine fiktive Geschichte, die aber immer wieder Bezug nimmt auf
die realen Veränderungen, die das Geschäft seit seiner
Gründung als Bäckerei über die Umstellung auf Elektrogeräte
in den siebziger Jahren bis zu seiner Schließung erfahren
hat. Die Darsteller beziehen die Straße vor den Schaufenstern
mit ein, etwa wenn die Frau des Elektrikers (Alexandra Faruga)
sich hinter einer Litfasssäule mit einem Gastarbeiter (Volker
Kakoschke) vergnügt.
Aber auch
die Passanten spielen mit, indem sie stehen bleiben und zuschauen
oder die Köpfe schütteln. Einer kommt gar neugierig
durch die Ladentür herein. Lebendiger kann Stadtteilgeschichte
nicht erzählt werden. Nur die Autos brausen ungerührt
vorbei. Der herzliche Beifall überdeckt den Lärm für
ein paar Augenblicke.
Kerstin Hergt
Hannoversche
Allgemeine Zeitung vom 2.7.2009