eine Erinnerung
an die Wiedervereinigung nach
Thomas Brussigs gleichnamigen Roman
theater fensterzurstadt.8
Klingeln
bei Klaus
Das hannoversche Off-off-Theater fenterzurstadt
spielt Thomas Brussigs "Helden wie wir"
Wir sind unter uns. Eben noch haben die 35 Besucher (mehr Platz
ist nicht in Klaus heruntergekommener Wohnung) bei "Uhltzscht"
geklingelt. Genau so, wie die Ortsbeschreibung es fordert, die
zur Eintrittskarte für die neue Produktion des Theaters fensterzurstadt
gehört, die in leerstehenden Räumen im Ihmezentrum Premiere
hatte. Raus aus dem Foyer, dann rechts rum, Rampe runter, dann
wieder rechts und dann "Klingeln bei Uhltzscht!!".
Ich bin der
Klaus, stellt sich Herr Uhltzscht vor. Höflich gibt er jedem
die Hand, der Herr Uhltzscht in Tchibo-beige (Hose) und Ampelmännchen-rot
(Hemd). Eine miserable Körperhaltung hat er auch. Und das
gleich zweimal. Denn Ruth B. Rutkowski, die Thomas Brussigs Roman
"Helden wie wir" für Herrn Uhltzschts Wohnzimmer
im Ihmezentrum inszenierte, hat den Helden als Zwilling besetzt:
Da gibt es einmal Carsten Hentrich in Tchibo-beige und Ampelmännchen-rot
und gleich daneben und manchmal vis-à-vis Andreas Jessing
in Tchibo...
Zwei Kläuse.
Denen hat Thomas Brussig, mit den Jugenderinnerungen "Am
Ende der Sonnenallee" einer der erfolgreichsten Chronisten
des Mauerfalls, zum Denkmal eines Kleinbürgers verholfen.
In theatralischen Szenen erinnern Klaus und Klaus an ihre Erziehung.
Der Vater hält Klaus für einen Versager. Das Kinderferienlager
sorgt für die Aufklärung. Seine erste Liebe heißt
Marina, deren Lieblingslied beim Kuscheln "Über sieben
Brücken musst du gehen". Bei der Stasi lernt Klaus das
Abfassen von "Observationsberichten" und kämpft
mit der Angst, keine Befehle zu bekommen. Nur eine bleibt immer
störrisch: die Frau. Die ist mal Mutter und mal Kuschelfreundin
Marina. Beide spielt Alexandra Faruga unnachahmlich leichtfertig
im geblümten Nyltestkleid. Regisseurin Rutkowski zeichnet
auch für die Kostüme verantwortlich.
Klaus und Klaus, das ist der permanente Erklärungsnotstand,
vor allem als der 9. November immer näher rückt. Doch
mit einem überraschenden Trick bringen Klaus und sein Alter
Ego die Mauer zu Fall. Die Geschichte der Wiedervereinigung muss
neu geschrieben werden. Klaus bleibt der größte.
Der Abend
zeigt einmal mehr, was die hannoversche Kulturszene leben lässt:
freie Ensembles wie diese, die mit finanziellem Minimaleinsatz
künstlerische Bestleistungen liefern und ihr Publikum begeistern.
Also: klingeln bei Uhltzscht.
Alexandra
Glanz
Hannoversche
Allgemeine Zeitung vom 27.11.2004