ein Kaleidoskop
des alltäglichen Wahnsinns
theater fensterzurstadt.7
Weit, Weit
offen
"Theater Fenster zur Stadt" spielt im Ihmezentrum
Was gibt es
Spannenderes als das eigene Leben? Was gibt es Wichtigeres als
die Frage nach dem Selbst? Und was gibt es Peinlicheres? Das "Theater
Fenster zur Stadt", seit vier Jahren fester Bestandteil der
freien Theaterszene Hannovers, zielt mit einer neuen Produktion
tief ins (Auto-)Biografische. "Ich Ich Ich" fragt nach
dem Selbst - ohne dazu Kronzeugen und Gewährsleute aus Literatur,
Philosophie, Soziologie oder Hirnforschung und Psychologie zu
bemühen. Sie machen tatsächlich alles - selbst. Und
sind damit verblüffend nah am Thema. Gefährlich nah
bisweilen: Alle Akteure spielen immer auch sich selbst, sie stellen
sich mit Namen vor und sich selber (gern auch nackt) aus, sie
sprechen von ihren Wünschen und Hoffnungen und erzählen,
wie sie das so sehen mit der Identität und dem Verhältnis
zu den anderen. Das ist manchmal peinlich und quälend, und
das soll es wohl auch sein.
"Ich Ich Ich", präsentiert von zwei Schauspielerinnen
und drei Schauspielern, hat keine Handlung, kennt keinen Konflikt,
kaum Rede und Gegenrede. Dafür gibt's Tanz, Lieder, skurrile
Experimente. Es ist eher Performance als Drama. Manchmal entgleitet
es ganz fürchterlich in Quatsch und Dollerei, manchmal berührt
es aber auch sehr.
Einmal steht Carsten Hentrich, der das Projekt gemeinsam mit Ruth
Rutkowski leitet, allein vorn im Scheinwerferlicht und erzählt,
warum er ("für 200 Euro in der Woche") in der freien
Theaterszene arbeitet. "Das Wichtigste ist die Freiheit",
sagt er, und dann glänzt hier im hannoverschen Ihmezentrum
plötzlich eine schöne und große Utopie auf.
Ausgerechnet hier, in diesem ehemaligen Supermarkt, gegenüber
von "Zaton's Waschsalon" und "Sultan Möbel"
("Räumungsverkauf: Alles muss raus!"), bringt das
"Theater Fenster zur Stadt" eine Utopie von der lebensverändernden
Kraft der Kunst zum Blühen. Nicht nur mit der persönlichen
Rede von Carsten Hentrich, auch mit den Grenzerfahrungsaktionen,
die Martin Thamm vorführt, dem Gesang und dem Tanz von Ylva
Yangsell (Musik: Heino Sellhorn) oder dem gespielten Streit von
Alexandra Faruga und Andreas Jessing. Dieses Theater ist oft außerordentlich
nah am Publikum und an seinen beiden großen Themen: der
Kunst und dem Selbst. "Fenster zur Stadt" stellt sich
in die Tradition der (britischen) Life-Art und schafft höchst
berührende Szenen in die städtische Ödnis des Ihmezentrums.
Der freien Theaterszene Niedersachsens stehen bald große
Veränderungen bevor. Landeszuschüsse (das Theater Fenster
zur Stadt erhält in diesem Jahr für zwei Projekte 32
000 Euro vom Land) werden deutlich reduziert. Mag sein, dass das
Fenster zur Stadt dann nicht mehr so weit geöffnet sein kann.
Was schade wäre. Wirklich schade.
RONALD MEYER
-ARLT
Hannoversche
Allgemeine Zeitung vom 5.Juli 2004
Theater fensterzurstadt zeigt
Ich-Schlacht mit Strip und Wahn
Martin beschäftigt sich mit Grenzsituationen,
so sagt er. Tatsächlich tut er alles um die Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen: Striptease vorm Publikum, Zitronensaft in
den Augen, vier Minuten unter Wasser atmen. Seine Kreativität
ist grenzenlos, seine "Live-Art-Performances" bringen
das Publikum zum Toben: "Ich , ich, ich" ist nicht nur
ein Kaleidoskop des alltäglichen Wahnsinns, sondern auch
ein Abbild der Ellenbogengesellschaft, des Egozentrismus und der
Skrupellosigkeit. Am Wochenende war Premiere im Theater Fensterzurstadt.
Fünf Akteure, drei Männer, zwei Frauen, befinden sich
im kontinuierlichen Wettstreit miteinander, verlieren sich in
ihren eigenen Worten. Wird die Selbstverliebtheit zu groß,
kommt die Klappe.Schnitt. Stimmungswechsel. Im Glaskasten, ein
wesentliches Merkmal des äusserst spartanischen Bühnenbildes,
offenbaren sie ihr Innerstes. Lassen ihren Gefühlen freien
Lauf, berühren sich liebevoll, um im nächsten Moment
wieder brutal übereinander herzufallen. Ohrfeigen, Schläge,
Demütigungen - betretenes Schweigen im Publikum. Drastik
berührt, fasziniert zugleich, damit spielt das Ensemble.
Zum Schluss gibt's stürmischen Beifall.
Neue
Presse vom 5. Juli 2004
"Dieses
Stück ist wie ein Blick in den Spiegel..."
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