ein Kaleidoskop
des alltäglichen Wahnsinns
theater fensterzurstadt.7
Schon
Mitte der neunziger Jahre, ein halbes Jahrzehnt nach dem Niedergang
des Sozialismus, stellte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter
eine deutliche Zunahme des Egoismus in Deutschland fest. Er habe
den Eindruck, kommentierte er das Ergebnis, als seien mit dem
Sozialismus auch die Ideale, die dieser hochgehalten - und zugleich
verraten habe - untergegangen. Wer sich heutzutage zu Werten wie
Solidarität, Gerechtigkeit und Mitempfinden bekenne, werde
allenfalls als Weichei oder Naivling belächelt.
Eigennutz
hat Konjunktur. Rücksichtslosigkeit und Ellenbogenmentalität
liegen im Trend. "Hilf dir selbst sonst hilft dir keiner"
ist das Heilsversprechen, das uns von den Buchrücken populärwissenschaftlicher
Bestseller entgegenschreit. Im Spiel der freien Kräfte ist
sich jeder selbst der nächste. Ich! Ich! Und nochmals Ich!
Die erste Person singular begibt sich in den Leerlauf eines nicht
enden wollenden Wettbewerbs, fällt aus der Gemeinschaft heraus
und bleibt sich selbst überlassen.
Vor dem Hintergrund
dieser zugegebenermaßen grob skizzierten gesellschaftlichen
Großwetterlage entfaltet sich unsere Produktion: sie ist
ein Zwischenbericht; eine irrlichternde Chronik der laufenden
Ereignisse und Tendenzen; ein kleines Schreckensszenario des alltäglichen
Verteilungskampfes.
Ich! Ich! Ich! - Fünf Schauspieler werden von einem einsamen
Musiker begleitet. Sampling. Dekonstruktion und Zusammensetzung
für ein Neues. Sie proben Haltungen, Posen und Positionen.
Bis an die Zähne bewaffnet mit Worten und Vorhaben agieren
alle in der zentralen Position: erste Person singular im Figurenverzeichnis
dramatis personis: Ich! Ich! Und nochmals Ich! Alle Helden der
eigenen Geschichte. Allesamt Einzelgänger, empfindlich und
mißtrauisch, aber voll Sehnsucht nach Anerkennung und Gemeinschaft.
Ihr Instrument: der Monolog; verzweifelt gewünscht und gefürchtet;
das halsbrecherische Solo.
"Ich Ich Ich" ist eine theatralische Forschungsreise
ohne Netz und doppelten Boden, die sich durch das Dickicht der
täglichen Rivalitäten, Ängste und Sehnsüchte
vielleicht auf dem Weg zum Grunde des Herzens befindet, eine Expedition
in den alltäglichen Wahnsinn unserer unvernetzten Persönlichkeiten.