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nach dienstschluss im amtsgericht

eine szenische Rundreise in vier Etappen, diversen Fällen und Zwischenfällen
theater fensterzurstadt.9

 

Der Schwindel nach Dienstschluss
Theater Fensterzurstadt macht das Amtsgericht zur Bühne

HANNOVER. Die Frau wirkt verirrt. Im weißen Brautkleid läuft sie durch die Straßen hinter dem Hauptbahnhof. Vorbei an hupenden Autos, glotzenden Passanten. Ein junger Mann fasst sich ein Herz, fragt nach. "Ich suche jemanden, 1,90 Meter groß", antwortet die Frau. Sie wird ihn nicht finden - so will es das Skript.

Was die wenigsten ahnen: Sie spielt Theater. "Nach Dienstschluss: im Amtsgericht" heißt die jüngste Produktion des experimentierfreudigen Theaters
Fensterzurstadt, die alles Lob bestätigt, das kürzlich zur Verleihung des Regions-Innovationspreises über die Gruppe ausgeschüttet wurde. Das Amtsgericht wird zur Bühne, kreuz und quer führt das Stück durch das imposante Gebäude am Volgersweg, nach 120 Minuten glaubt man, jeden Winkel erforscht zu haben. Dem Vertrauen in die Justiz hats eher nicht genutzt: Bizarr, komisch und beklemmend erscheint das Labyrinth des Rechts.

Die Begrüßung in der Halle unterbricht ein Schrei. Dumpf prallt eine (Stoff-)Leiche auf den harten Boden. Ein Unfall mit Todesfolge ist zu erforschen - vier Gruppen eilen getrennt Treppen rauf, Flure runter, vorbei an Grundbuchamt, Hauptwachtmeisterei, verschlossenen Türen, stummen Kopierern. Ein logistischer Kraftakt, der bei der Premiere vorzüglich gelang.

Viermal unterbrechen verdrehte Episoden die Wanderung. Wer ist Opfer, wer Täter? In einer Gerichtsverhandlung wird der Anwalt zum Angeklagten - schließlich wird der Richter in Freiheit entlassen. Dann wieder werden die Zuschauer in die Verbrecherrolle gedrängt. Sitzen sich wie beim Häftlingsbesuch an einer Gitterwand gegenüber, lauschen per Kopfhörer den Bekenntnissen eines irren Häftlings: "Hol mich hier raus, ich bin unschuldig."

Zwielichtige Gestalten sitzen in den Fluren, lesen oder starren die Besucher an. Ein Yuppie gesteht am Handy einen Mord. Ein Mann in Sträflingskleidung jagt einen Staatsanwalt, ein Darsteller trägt Wolfsmaske zum Schafskostüm: jeder könnte auch anders sein.

Die Liebe ist stets präsent, spendet aber keinen Trost: Im Gerichtssaal wird sie zur verhängnisvollen Affäre. In einem engen Raum spielt Carsten Hentrich einen liebeskranken Irren, dem auch die unzähligen Gesetzestexte an der Wand nicht helfen. Und die Braut sucht am Ende immer noch ihren zukünftigen Gatten, den sie nicht mal kennt. Sie tanzt, immer wieder, bis ihr schwindlig wird: "Ist doch alles Schwindel", stellt sie fest.

Mit 35 Akteuren bringen die Fensterzurstadt-Macher Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich die Mühlen der Justiz erhellend zum Klappern. Ihr ausgefeilter Theater-"Schwindel" wirbelt still gehegte Vorurteile durcheinander, klagt nicht an, sondern lässt aufmerken: Hinter dem, was beschlossen und verkündet wird, stecken noch mal ganz andere Geschichten.

Von Fabian Mast

Neue Presse vom 30.05.2005

 

Verhört, verhört
Eine spannende Theaterreise ins hannoversche Justizviertel

Beim Kirchentag auf dem Messegelände standen in jeder Ecke "Müllinseln". Jeder warf brav seine Abfälle in die riesigen Container. Hinter dem Hauptbahnhof, zwischen dem stahlroten "Veitstanz", den Stahlskulpturen von Schang Hutter, gibt es einen Zugang zur Passerelle. Dort steht zwar kein Schild mit dem Hinweis "Müllinsel", die Abfälle türmen sich auf dem Weg aber trotzdem.
So viel zur Ortsangabe, wo das Amtsgericht liegt. Denn sein Domizil, ein neubarocker Prachtbau, der um 1910 entstand, ist nicht nur die unorthodoxe Spielstätte der jüngsten Produktion des off-off- Theaters fensterzurstadt. Das repräsentative Justizgebäude regte die Truppe um Ruth Rutkowski und Carsten Hentrich auch zu ihrer "szenischen Rundreise in vier Etappen und diversen Fällen, Zwischenfällen und Ereignissen" an.
Bequeme Schuhe sind ratsam. Denn das Stück "Nach Dienstschluss im Amtsgericht" führt durch endlose Flure und endlos hohe Treppenhäuser. In einem Sitzungssaal lernen wir einen Staatsanwalt kennen, bei dem einiges verkehrt lief, weil er "Verkehr hatte". Und eine Liebende, die sich verhört hat und deshalb "verhört wird". Auf der Empore, zwischen Sandsteinengeln und schmiedeisernen Brüstungen, werden wir Zeugen eines bitteren Ehestreits auf dem Weg zum Scheidungsrichter.
"Nach Dienstschluss im Amtsgericht" ist a) ein zweistündiges Vergnügen und b) eine logistische Meisterleistung. Die vier Spielorte bieten nur Platz für jeweils 20 Besucher. Also werden die maximal 80 Besucher auf vier verschiedenen Routen durchs Haus geführt. Das Ensemble spielt an jedem Abend vier mal das Gleiche. Nur die Haltung bewahrende Braut ohne Bräutigam tanzt nur einmal für alle.
Das Theater fensterzurstadt hat nicht nur den "pro visio" - Kulturpreis der Stiftung Kulturregion verdient, mit dem es im März bedacht wurde, sondern auch ausverkaufte Vorstellungen. Bitte im Terminkalender notieren!

Von Alexandra Glanz

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 30.05.2005