theater fensterzurstadt.12
hauskritik
#1: nachbarn!, theater fensterzurstadt
Das Ausrufezeichen
im Titel der neuen Produktion von theater fensterzurstadt ist
eine Warnung. Bereits beim Betreten der Tribüne im Inneren
des neuen Domizils, der ehemaligen Betriebshalle der alten Tankstelle
in der Striehlstraße, wird deutlich: eine freundliche Begegnung
ist nicht zu erwarten. Der Blick fällt auf vier Personen,
die starr auf ihren Stühlen sitzen, während ein lautes
Bohrgeräusch aus einer Kammer dringt, von der aus ein Lichtgewitter
durch die decke und viele Lücken hindurch Strahlen in das
Halbdunkel der Halle sendet. Es
folgen szenische Schnappschüsse, in denen jede Figur einen
ersten Eindruck von sich vermittelt. Eine bodenständig wirkende
Frau (Alexandra Faruga), die ein grünes Sommerkleid trägt,
putzt und redet einige Worte in einer osteuropäischen Sprache.
Eine blonde Mädchenfrau (Anna Katharina Köpnick) im
roten Rock und braunen Lackstiefeln spielt Geige und steigert
sich hysterisch in ihre Gebete hinein. Ein Mann (Carsten Hentrich)
hält sich die Ohren zu und schreit mit prallen Arterien "Ruhe!".
Mit fies verschlagenem Blick stellt sich der Herr des Hauses (Karl-Heinz
Ahlers) als Mann im grauen Anzug vor, dessen halboffenes violettes
Hemd seine Zuhälterattitüde abrundet. "Wie sind
Sie hier hereingekommen?" fragt er das Publikum. Einige Momente
später formt er, die Handflächen zum Publikum, ein Guckloch.
Irgendwann erscheint das Auge auf einem Monitor. Wie in einem
alten Psychothriller. Der Vermieter steht davor und betrachtet
sein eigenes Starren. Das Motiv des fixierenden Auges, hinter
dem die Projektionen sich selbst füttern, strukturiert das
offene und sorgfältig durchkomponierte Geschehen.
Da die Gefühle
des Spanners sich auf ihrer Reise durchs Guckloch in Geschosse
auf ihr Liebes-, Lust- oder, egal: Hassobjekt verwandeln können,
muss sich das Gegenüber in Acht nehmen. Der Vermieter bestätigt
sein Bild als ein süffisantes Stück Geilheit, das der
vorgeblich zu lauten Frau in rot gern "den Hintern versohlen"
möchte. "Den Nackten" schiebt er mit kurzem Auflachen
hinterher.
Eine komplexere
Variante bietet Carsten Hentrichs "Mann von nebenan",
dessen Tarnkappen-Persönlichkeit bereits in seiner zu Grabbeltisch-Couture
gereiften Müllmann-Kluft (Kostüme: Ruth Rutkowski) ihren
äußeren Ausdruck findet. Als Guckloch-Voyeur und Telefon-Stalker
stellt er seiner Nachbarin Frau Majakowski nach, der Frau im grünen
Kleid. Er weiß, wann sie kommt und geht und kennt die Marke
ihres Duschbades, das es bei "Plus" im Sonderangebot
gibt.
Seine Selbstvergessenheit,
mit der er die Wirklichkeit seines Spanner-Ichs ausblendet, zersetzt
zunehmend auch seine Identität. So löst er sich auf,
hält plötzlich sein Zuhause für ein Polizeipräsidium
und redet den Vermieter als Inspektor an. Irgendwann wird er sagen:
"Mein Name ist Hase". Da er isoliert ist, wird aus Verärgerung
über die geklaute Zeitung blinder Hass gegen alle und sich
selbst. "Das Eis ist so dünn", droht er dem Publikum,
während Daumen und Zeigefinger etwa einen Millimeter zeigen.
Brechen wird es zum Schluss. Nachdem der Vermieter ihm fadenscheinig
wegen Eigenbedarf gekündigt und ihn handgreiflich aus der
Wohnung befördert hat, begießt er sich und den Boden
mit Benzin. Es ist keine zwingende Logik in diesem Vorgang. Sowenig
wie die Figur psychologisch konstruiert ist. Eher wirkt sie wie
eine Synthese nachbarschaftsgruseliger Aha-Effekte, die hier,
in diesem surrealistischen Alptraum-Biotop, ihre eigene Realität
entfaltet. Eine Konstruktion, die auch als Geist funktioniert.
Für sein Objekt ist er es ohnehin. Einmal versperrt er ihr
den Weg. Ihre Versuche, auszuweichen, entwickeln sich zu einem
skurrilen Paartanz, den die Frau in rot beobachtet. Und missversteht.
"Warum fickt ihr nicht endlich? Warum wird hier nicht viel
mehr gefickt!" platzt es aus ihr heraus. Und schließlich
durchbricht ein unkontrolliertes "Ficken" wie ein Schluckauf
ihre Gebete.
Die Macherinnen
verstehen ihr Handwerk. Deshalb funktioniert der suggestive Fluss
der multimedialen Theaterperformance. Zum Beispiel das "Austicken"
der Zeit, visualisiert durch die kaputte Betriebsuhr, die einmal
unheilvoll flackert. Hörbar setzt es sich fort, wenn sich
das Geräusch eines Uhrzeigers beschleunigt oder den Rhythmus
für einen chilligen Klangteppich vorgibt. Streckenweise scheinen
die wirkungsvollen Sounds, Kompositionen und Musikpartikel (Jan
Exner), Bilder und visuellen Effekte (Licht und Technik: Alexander
Tripitsis) von David Lynchs Filmvisionen inspiriert. Ruth Rutkowski
und Carsten Hentrich, verantwortlich für die Inszenierung
und Projektleitung nutzen die atmosphärischen Mittel des
Raums optimal und verstehen es, seine Proportionen für die
bizarren Begegnungen der Nachbarn auszukosten.
Berthold Ansohn
Stadtkind
Hannovermagazin Juli 2007
Alles
unter einem Dach
Das Theater
"fensterzurstadt" spielt "Nachbarn!"
Alle Plätze
sind belegt - auch die vier Stühle auf der Bühne. Regungslos
verharren die Darsteller auf ihren Sitzen. Selbst als dröhnender
Maschinenlärm den Raum erfüllt. Und dieser Lärm
ist für die Örtlichkeit nicht einmal ungewöhnlich:
Eine alte Tankstellewerkstat dient als Kulisse des Stückes
"Nachbarn!" vom Ensemble "fensterzurstadt".
Plötzlich
geht das Licht aus. Positionswechsel. Das Licht geht wieder an.
Die Schauspieler haben sich von ihren Stühlen erhoben und
stehen in der Werkstatt verteilt. Ein bisschen wie reise nach
Jerusalem und Mord im Dunkeln. Laute Stimmen im Hinterhof. "Ruhe!"
brüllt ein Akteur. Ein Mädchen im roten Kleid betet.
Die andere Frau putzt. Dann Jahrmarktsmusik. Alle schnappen sich
ihre Stühle und drehen sich im Kreis. Schon ein wenig wahnsinnig
das Ganze. Und wahnsinnig sind die vier Nachbarn tatsächlich.
Der Hauswirt (Karl-Heinz Ahlers) lechzt nach Rache. Die Raumpflegerin
Majakowski (Alexandra Faruga) verdrängt ihre Sorgen im Putzfimmel.
Das Mädchen in Rot (Anna Katharina Köpnick) quält
sich in paranoiden Ängsten. Der Mann ohne Namen (Carsten
Hentrich) ist ein voyeuristischer Fanatiker. Viel mehr braucht
es nicht zum Wahnsinn unter einem Dach. Das kann nicht gut gehen
- und geht es auch nicht. Die Inszenierung von Ruth Rutkowski
und Carsten Hentrich zeigt eine überspitzte urbane Realität:
Heimliche Liebeserklärungen unter Nachbarn. Oder aber feindselige
Verwünschungen. Und am Ende die Eskalation. Und es geht noch
wahnsinniger: "Warum fickt ihr denn nicht endlich?"
fragt das Mädchen in Rot die Putzfrau und den Voyeur. Und
dreht völlig durch. Die Zuschauer lachen. Der Voyeur vergießt
Benzin - der einzige Bezug zur Tankstelle. Das wirkt bedrohlich
in dieser verlassenen Örtlichkeit voll von Wahnsinnigen.
Schön wahnsinnig und auch wahnsinnig schön.
Nicole Schilawa
Hannoversche
Allgemeine Zeitung vom 25. 05. 2007
Die
vier in der Tankstelle:
Theaterstudie der Nachbarn
Das "Fenster
zur Stadt" ist wieder geöffnet: Diesmal spielt Hannovers
experimentierfreudigstes freies Theater in einer Tankstelle "Nachbarn"
HANNOVER.
Sie nennen sich "Fenster zur Stadt", auch weil sie mit
ihren Spielstätten den Blick auf verlassene Orte der Stadt
lenken. Diesmal zog es das experimentierfreudige freie Ensemble
in die Werkstatthalle einer ehemaligen Tankstelle in der Striehlstraße
in der Stadtmitte: "Nachbarn" werden hier in einer beklemmenden
Psycho-Studie, einer Eigenproduktion, vorgeführt
An den rissigen
Wänden sieht man noch Spuren einer Zeit, als hier Öl
gewechselt und Motoren repariert wurden. 80 Zuschauerplätze
wurden aufgebaut, die Bühnenkulisse ist minimalistisch: ein
paar Stühle, eine Werkstattuhr, sonst nichts. Mehr wird nicht
gebraucht, denn der Blick richtet sich nach außen, auf die
Skyline mit ihren Bürotürmen und Wohnanlagen, zwischen
denen sich Straßen, Plätze und Parkanlagen befinden,
sondern ins Innere eines schäbigen Mietshauses.
Es geht um
den ganz normalen Alltagswahnsinn, um das Innenleben von vier
Menschen, die auf engstem Raum zusammengepfercht, doch mit ihren
Ängsten und Träumen allein sind. Geräusche hinter
verschlossenen Türen, ein Lichtschein hinter verdunkelten
Fenstern, kurz gefährliches Halbwissen, ruft ihnen eine Frage
ins Bewusstsein: Was machen die "lieben" Nachbarn eigentlich
den ganzen Tag?
Während
die Hausbewohner dieser Frage nicht nur mit Hilfe ihrer Fantasie
nachgehen, darf das Publikum hinter diese anonyme Fassade der
Großstadt blicken. Sie sehen Visionen und Angstvorstellungen
und werden von den Darstellern in dunkle Geheimnisse eingeweiht.
Dabei geht es auch gewalttätig zu. Was sie denken, wird auf
der Bühne umgesetzt: es wird gestritten, geprügelt und
gemordet.
Das Ensemble
überzeugt geschlossen, auch auf Grund der großartigen
Licht- und Toneffekte. Besonders eindringlich spielt Carsten Hentrich
in der Rolle eines eigentlich unauffälligen Nachbarn, der
sich als Stalker entpuppt.
Einziger Kritikpunkt:
die komisch gemeinten Szenen stören die ansonsten schaurig-schöne
Atmosphäre der Inszenierung.
Thomas Freytag
Neue
Presse vom 25. 05. 2007