eine szenische
Recherche
theater fensterzurstadt.6
1903 schreibt
der russische Dramatiker Anton Tschechow in seinem Stück
"Drei Schwestern": "Nach zwei-, dreihundert Jahren
oder nach tausend wird ein neues glückliches Leben erstehen.
Wir werden an diesem Leben natürlich nicht teilnehmen, aber
wir leben für es heute, wir arbeiten, nun, wir leiden, wir
schaffen dieses Leben, und darin allein besteht das Ziel unseres
Daseins und wenn sie wollen, unser Glück." Auch hundert
Jahre später hat sich diese Hoffnung, trotz gewaltiger historischer
Umwälzungen, immer noch nicht erfüllt, möglicherweise
hat sich die Lage der russischen Menschen sogar verschlimmert:
der kommunistische Traum vom weltumfassenden Paradies der Werktätigen,
vom neuen Menschen und einer neuen Weltordnung, die allen ein
besseres Leben versprach, hat sich nach über 70 Jahren Sowjetherrschaft
in Nichts aufgelöst, die Entbehrungen haben sich für
das Volk nicht ausgezahlt, das Bewußtsein der Menschen ist
aber noch immer von der totalitären Geschichte des Landes
geprägt.
Nach(t)bar
Russland ist eine szenische Recherche, ein experimentelles Schauspielprojekt,
das sich im russischen Kulturjahr vor einem home und historisch
bedeutsamen kulturellen und politischen Hintergrund entfaltet:
ein Work in progress, eine fragmentarische Collage und theatralische
Forschungsreise, ein kurzer Blickwechsel aus dem Korsett unserer
westzentrierten Weltanschauung hinaus, ein kurzer Zustandsbericht
über das Leben nach dem Verlust einer weltumfassenden Utopie.
Ausgangspunkt
der Produktion ist das Buch "Seht mal wie ihr lebt",
in dem die ukrainische Autorin Swetlana Alexijewitsch Zeitzeugen
in der Tradition der Oral History über ihr Leben nach dem
Ende des Sowjetreiches berichten läßt und so 22 Geschichten
von russischen Schicksalen nach dem Umbruch versammelt hat. Diesem
dokumentarischen Material stellen wir Texte moderner Klassiker
der russischen Literatur, die wie Anton P. Tschechow, Michael
Bulgakov oder Wladimir Majakowski zu dem vitalen Kulturerbe Europas
zählen, gegenüber; aus dem Scherbenhaufen untergegangener
Illusionen sammeln wir Splitter und Fragmente und zeigen ein Sittengemälde
über das Leben der Menschen in einem Land , denen abermals
nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geblieben ist.
Spiel:
Alexandra Faruga, Carsten Hentrich, Thorsten Hierse, Olga Holm,
Andreas Jessing, Anne Rother, Elena Schneider.
Musik:
Heino Sellhorn
Inszenierung:
Ruth B. Rutkowski und Carsten Hentrich
Ausstattung:
Ruth B. Rutkowski
Technik/Bühne:
Alexander Tripitsis
Uraufführung
am 5. Dezember 2003 im Ihmezentrum Hannover